Die
Innerdeutsche Grenze und Ihre Schattenseiten "Aktion
Ungeziefer" war eine davon
Über 10.000 Menschen wurden im Rahmen von zwei großen Aktionen an der
innerdeutschen Grenze auf Geheiß der DDR-Regierung 1952 (Deckname
"Ungeziefer") und 1961 (Deckname "Kornblume") aus ihren Dörfern - wie
es geschönt hieß - "ausgesiedelt". Außerdem wurden bis in die siebziger
Jahre, nachdem auch noch die letzten Bewohner zermürbt und vertrieben
worden waren, viele dieser Dörfer, die den DDR-Machthabern zu nahe an
der "Staatsgrenze-West" standen, dem Erdboden gleichgemacht. Alle
diese Dörfer lagen in der sogenannten "Sperrzone". Die Gesamtfläche
dieses 5-km Sperrgebietes entlang der 1394 km langen Grenze betraf über
3.000 qkm, das waren ca. 2,8 % des Gebietes der DDR, mehr als die
Fläche des Großherzogtums Luxemburg. Folgende Dörfer wurden
zu DDR-Zeiten zerstört, nachdem ihre Einwohner vertrieben worden waren.
Es handelt sich hierbei nur um eine Auswahl ohne Anspruch auf
Vollständigkeit:
Bardowieck, Kreis Grevesmühlen Billmuthausen, Kreis Hildburghausen Broda, Kreis Ludwigslust Dornholz, Kreis Schleiz Erlebach, Kreis Hildburghausen Grabenstedt, Kreis Salzwedel Hammerleithen, Kreis Plauen Heiligenroda, Kreis Bad Salzungen Jahrsau, Kreis Salzwedel Kaulsroth, Kreis Sonneberg Korberoth, Kreis Sonneberg Lankow, Kreis Schönberg Leitenhausen, Kreis Hildburghausen Lenschow, Kreis Grevesmühlen Liebau, Kreis Sonneberg Lieps, Kreis Hagenow Neuhof, Kreis Gadebusch Neu Gallin, Kreis Hagenow Niederndorf, Kreis Bad Salzungen Ruppers, Kreis Meiningen Schmerbach, Kreis Meiningen Schwenge, Kreis Bad Salzungen Stöckigt (nur Ortsteil), Kreis Plauen Stresow, Kreis Salzwedel Vockfey bei Neuhaus, Kreis Hagenow Wehningen (nur Ortsteil), Kreis Ludwigslust Zarrentin-Strangen, Kreis Hagenow
Das Dorf Jahrsau war eines von vielen Dörfern
die der innerdeutschen Grenze weichen musste. Für ein
Dorf im Grenzstreifen war kein Platz die Menschen wurden
ins Landesinnere der DDR zwangsausgesiedelt.
Die Wüstung Jahrsau ist ein geschliffenes Dorf in Sachsen-Anhalt an der
ehemaligen innerdeutschen Grenze nordöstlich von Salzwedel. Das Dorf
Jarsowe wurde 1375 erstmals erwähnt. In allen Kriegen wurde es
übersehen, weil es abgelegen und nur von Süden aus erreichbar war. Nach
der deutschen Teilung war Jahrsau nach drei Seiten von der Zonengrenze
eingeschlossen. 1952 wurden drei von vier Bauernfamilien aus Jahrsau
zwangsausgesiedelt, um die Grenzsicherung zu erleichtern. Im März 1970
wurde das Dorf durch Einebnung aller Gehöfte endgültig geschleift.
Wer die DDR verlassen will und einen Ausreiseantrag stellt,
muss mit Nachteilen für sich und seine Familie rechnen
Das war kein
Märchen, sondern die traurige Wahrheit. Jeder Bürger der
DDR hatte das Recht, einen Ausreiseantrag zu stellen.
Aber die meisten versuchten es gar nicht - denn die
Folgen nach der Antragstellung waren schlimmer als man
dachte. Hier einige Berichte von Augenzeugen, die genau
das erlebt haben.
"Das mit den Nachteilen stimmt mit Sicherheit. Wir
hatten in der Bekanntschaft meiner Eltern einige Leute,
die es betraf. Da war plötzlich keine Delegierung auf
die EOS (vergleichbar mit dem Gymnasium) mehr möglich.
Bei bestimmten Berufen, wie in Bahnwesen, Schifffahrt,
Luftfahrt, Elektronikindustrie (hier wohl, um Blamagen
zu vermeiden...), Kulturwesen war plötzlich keine
Ausbildung mehr möglich oder wurde unter fadenscheinigen
Gründen abgebrochen. Ein Bekannter, dessen Eltern (er
aber nicht) ausreisen wollten, sollte aus der
Jagdgesellschaft rausfliegen und plötzlich kein Jäger
mehr sein dürfen (das passierte dann aber nicht, weil es
in der Jagdgesellschaft hierfür keine Mehrheit gab).
Mein allererster Fall bei der Kripo war ein Bürger, dem
man nach einem Ausreiseantrag seine illegal auf dem Dach
montierte Westantenne abgebaut (er sagte geklaut, was ja
eigentlich nicht stimmte) hatte. Die gleichen Antennen
der übrigen Bewohner blieben wo sie waren, haben also
nicht interessiert - das war schon auch Schikane. Dass
Schüler und Studenten von der legalen Ausreise
ausgeschlossen gewesen sein sollen, kann ich nicht
glauben. Dann hätte es keine Familienzusammenführung
gegeben. Bei Geheimnisträgern war das sicher schwieriger
oder konnte viele Jahre dauern." (S51 - Mitglied Forum
DDR Grenze)
Mein Schwager hatte für sich und seine Familie (Frau und
drei Kinder) einen Ausreiseantrag gestellt. Er wollte zu
seiner Schwester nach Lübeck. Mit der Antragstellung
begann ein Spießrutenlauf, in der eine Existenz
systematisch zerstört wurde. Erst verlor er seinen
Posten, da es nicht tragbar war, dass ihm Leute
unterstellt sind. Dann, so nach und nach, wurde
Steinchen für Steinchen seiner beruflichen Karriere
abgebaut, bis er zuletzt, nach Monaten, total seine
Arbeit verlor. Er stand an einem Punkt, wo er nicht
wusste, wie es weitergehen sollte und wie es überhaupt
möglich sein sollte, seine Familie zu ernähren. Das
Schlimme an der ganzen Sache, er wusste zu dem Zeitpunkt
nicht einmal, ob sein Antrag überhaupt je genehmigt
wird. Zu jeder schrittweisen "Degradierung" wurde er ins
Kombinat vorgeladen, wo man ihm sagte, mit der Rücknahme
des Antrages könne er zuminderst einen Teil seiner
beruflichen Laufbahn retten. Da er sich jedoch weigerte,
kam es halt letztendlich zur totalen Arbeitslosigkeit.
Bei meiner Schwägerin verlief es ähnlich, wenn auch
nicht ganz so spektakulär. Man sagte ihr, da für ihre
Arbeit eine langfristige Planung nötig wäre und sie ja
die DDR verlassen wolle, könne sie nur noch für
"Hilfsarbeiten" eingesetzt werden. Dass im Vorfeld die
ganze Nachbarschaft über sie ausgefragt wurde, war
dagegen nur eine Kleinigkeit im Verhältnis zu dem, was
sie so durchmachen mussten....... war also nicht der
Rede wert. Als er dann ohne Arbeit da stand, kam kurz
darauf der Bescheid, sie können ausreisen und haben
binnen "so und so viel" Stunden die DDR zu verlassen.
Jeder durfte dann mit einem Koffer "bewaffnet"
ausreisen.......nicht mehr und nicht weniger. Mit
Menschlichkeit hatte dies alles nichts zu tun. Und wenn
ich dann teilweise lese, es brauchte ja keiner über die
Grenze abzuhauen, man konnte ja gefahrlos ausreisen, in
dem man einen Ausreiseantrag stellt, dann wird es mir
ganz einfach speiübel." (Ernest - Mitglied im Forum DDR
Grenze)
"Wie die meisten hier schon wissen, bin
auch ich - wie CaptnDelta - ein Betroffener gewesen. Ich
habe den Antrag damals persönlich abgegeben, und ich
habe persönlich die Entlassungsurkunde aus der
Staatsbürgerschaft der DDR gegen Zahlung von 30 Mark
erhalten, danach die Identitätsbescheinigung gegen
Zahlung von weiteren 25 Mark. Dazwischen lagen fast 2
Jahre Erniedrigung, Demütigung, Einschüchterung,
schlimme psychische Verhöre - denen ich damals - ganz
ehrlich - kaum gewachsen war. Immer wurde einem
vermittelt, du schaffst das nie, wir lassen sie nicht
weg. 3 Tage vor Weihnachten erfuhr man dann, dass man
innerhalb von 14 Stunden das Land verlassen muss,
ansonsten wird man inhaftiert. Damit wollte man
verhindern, dass wertvolle Dinge veräußert werden
konnten, nicht wenige Häuser kamen so billig an
MfS-Angehörige. Noch heute kenne ich die Grundlage dafür
nicht. Man hat mich während dieser 2 Jahre in 4
verschiedene Betriebe gesteckt - immer zu anderen Leuten
- immer in den Dreck, einmal auch in der Kohle -
allerdings um LKW zu reparieren. Dem Knast bin ich um
Haaresbreite entgangen, so die Auskunft des Mitarbeiters
der Abt. Inneres. Dabei hatte ich nur das Glück, an
"vernünftige" Entscheidungsträger zu gelangen. Auch die
gab es natürlich. Freunde, die zu mir gehalten haben,
hat man seitens der Stasi unter Druck gesetzt, einige
haben dann aus Angst eingelenkt und die Verbindung zu
mir gelöst - andere mich bespitzelt. Aber ein paar
wenige sind standhaft geblieben. Diese Erfahrungen über
eine andere DDR wünsche ich keinem. Gut, dass man vorher
nicht wusste, was auf einen zukommt. Ausreisen durften
nicht alle (Schüler u. Studenten immer) - natürlich gab
es eine Untersagungsmöglichkeit des Ministers für
Personengruppen (Grenzer, z.B.) - unsere Experten hier
wissen das, aber über Botschaften kamen manchmal sogar
MfS- (Familien-angehörige raus. Hier hatte das MfS
einfach keine guten Karten - Honecker traf hier die
Entscheidung - auch gegen den Rat einiger Mitarbeiter."
(Augenzeuge - Mitglied im Forum DDR Grenze)
Mit „EKs" bezeichnete man bei der Armee die „Entlassungskandidaten“,
also die Soldaten des letzten Diensthalbjahres, deren Entlassung von der
Truppe am nächsten bevor stand. Bei vielen Waffengattungen nutzten
diese Soldaten ihre Erfahrungen und Beziehungen, um ungestraft die
Soldaten der jüngeren Halbjahre zu drangsalieren und zu schikanieren.
Auch als Wiedergutmachung für die selbst als Frischling erlittenen
Demütigungen wurden die neuen Soldaten zum Stiefelputzen,
Reviersäubern, Essenholen und vielen anderen Dingen gezwungen. Wenn ich von der EK – Bewegung an der Grenze erzähle, können das viele, die woanders dienten, gar nicht glauben.
Keimschmiede Die Grenztruppen der DDR unterhielten
Ausbildungsregimenter, in denen die frisch eingezogenen Soldaten nach
der militärischen Grundausbildung über einen Zeitraum von einem halben
Jahr alles lernen sollten, was sie für den Grenzdienst benötigten. In
diesen Ausbildungsregimenten gab es fast ausschließlich Soldaten des
ersten Diensthalbjahres. Es war also gar niemand da, der uns
schikanieren konnte. Gerade in der Eingewöhnungszeit mussten wir uns
deshalb nicht noch vor unseren eigenen Kameraden fürchten.
Patenonkel Beim
Einzug in meine Grenzkompanie kam ich auf eine Stube, die mit 6
Soldaten (inzwischen eigentlich 6 Gefreiten) belegt war. Es gab 6
Doppelstockbetten, die jeweils unteren Bettgestelle belegten diese
„EKs“. Ein EK, erklärte man mir, sei „zu alt“, um noch nach oben in das
obere Bett zu klettern. Ok, wenn’s weiter nichts ist. Schnell stellte
sich dann der unter mir Liegende als mein „Patenonkel“ vor. Patenonkel
? Waren ich jetzt sein persönlicher Sklave oder was? Nein, der
Patenonkel fühlte sich verpflichtet, sich um meine Eingewöhnung „am
Kanten“ zu kümmern. Zunächst gab es einige Geschenke, wie sich das für
ein Patenkind gehört. Das waren unter Anderem
- Eine Kordel mit 2 Karabinerhaken Diese
Kordel hakte man mit einem Haken ins Knopfloch der Innentasche der
Uniform. An den anderen Haken kam später, wenn man Postenführer war,
der „Goldene Schlüssel in den Westen“. Die Tore im Grenzsignalzaun
waren durch Vorhängeschlösser verschlossen. Jeder Grenzposten trug
einen Schlüssel bei sich, um sie passieren zu können. Damit diese
Schlüssel nicht verloren gingen, bastelten sich die Soldaten diese
Kordeln - Eine Liste der Postenpunkte des Abschnitts Solche
Listen mit Bezeichnungen markanter Geländepunkte waren eigentlich
verboten. Sie hätten verloren gehen und in falsche Hände gelangen
können. Trotzdem halfen sie sehr beim Lernen im Abschnitt, für den
Grenzdienst war die Kenntnis aller Postenpunkte unerlässlich. Man
schickte uns zum „Melden an Postenpunkt 6“ – ja, wohin sollten wir nun
? Die Liste erleichterte den Einstieg - Ein paar Garnituren Unterwäsche Die
Armee stellte uns nicht nur die Uniformen, sondern auch die Leibwäsche.
Das waren gelblich schimmernde lange Hemden und Unterhosen. Der
gelbliche Schimmer, beruhigte man uns, käme von einer Salzlösung, mit
der die Wäsche imprägniert sei, um etwas ‚feuerfester’ zu werden. Wir
glaubten das gern, denn die anderen Gründe für gelbe Unterwäsche
wollten wir nicht wissen, (Man durfte auch eigene Wäsche verwenden,
aber das war vielen zu umständlich – schließlich hatte man nur alle
10-12 Wochen einmal Urlaub und musste Päckchen hin und her schicken).
Auf der Kompanie gab es alle 14 Tage einen Wäschetausch. Wenn man
zwischendurch etwas benötigte, war das immer mit einem Haufen Lauferei
verbunden. Die geschenkte Unterwäsche half, über diese Zeit zu kommen,
denn zur normalen Ausrüstung gehörten nur 4 oder 5 Garnituren (für 14
Tage !). - Bilder mit Rangabzeichen des BGS und des Zolls und Hubschrauberfotos Damit man später korrekte Meldungen machen konnte auch wenn man in der Grundausbildung nicht so gut aufgepasst hatte.
- Ein "LuKi" Beim
stundenlangen Sitzen („Ducken“) im Gelände bekam man oft einen kalten
Hintern, ein aufblasbares Luftkissen machte das etwas gemütlicher.
Verwöhnung Eine Schicht mit seinem Patenonkel war meist etwas
Besonderes. Da man täglich die Postenpaare neu mischte, kam das gar
nicht so häufig vor. Für seinen Patenonkel nahm man besonders viel
„Verwöhnung“ mit zum Dienst: Eine Tafel Schokolade, Dosen mit Früchten,
Kekse. Auch Dosen mit Fertiggerichten (ganz beliebt „Königsberger
Klopse“), die wir dann im Abschnitt aufwärmten und als willkommene
Abwechslung sowie Zeitvertreib achteten. Das alles sollte den EK bei
Laune halten, damit er dir auch weiterhin wohlgesonnen bleibt. Gegessen
wurde dann meist alles gemeinsam. Aber das Drumherum war eben
bemerkenswert.
Verbote Für uns Neue gab es einige
Spielregeln zu beachten. So durften wir bestimmte Worte nicht in
Gegenwart der EKs aussprechen: „Heimgang“, „Heimi“ (=ein Hase) usw.
Auch die Farbe Blau war für uns tabu: blaue Thermoskannen, blaue LuKis
waren den EKs vorbehalten. Beim Nichtbefolgen dieser Regeln zahlte der
Ertappte eine Mark in die „Putscherkasse“. Aus dieser Kasse
finanzierten wir dann unsere Kaffeeorgien: Wir tranken an manchem Abend
eine Kanne Kaffee (Bohnekaffee war kostenpflichtig an der Grenze) nach
der anderen, solange, bis sich auch ein gewisser Rauschzustand
einstellte. Auch hier tranken EKs und Achtziger gemeinsam vom
eingezahlten Geld.
Bandmaß Das wichtigste Utensil des
EKs war sein Bandmaß. Dazu bemalten und beschrifteten wir ein
Schneidermaßband von 150 cm in der Art eines Kalenders. Jeder
Zentimeter stand für einen Tag, den die Entlassung näher rückte. Jeden
Tag schnitten wir also einen cm ab, und das kürzer werdende Band zeigte
uns die näher rückende Entlassung an. Der erste Anschnitt – also 150
Tage vor dem Entlassungstermin – wurde gefeiert. Die EKs standen im
Gang auf ihren Hockern. Das Maßband war ausgerollt, unten, am ersten
Tag, hing an einer Klemme der Stahlhelm. Die Patenkinder standen in
Unterwäsche vor ihren Patenonkeln. Auf dem Kopf ebenfalls der
Stahlhelm, gekrönt von einer brennenden Kerze. Die Patenkinder durften
nun den ersten Zentimeter abschneiden – alle gleichzeitig – und die
Stahlhelme donnerten auf den Steinfußboden. Danach gab’s Kaffee bis zum
Abwinken. Da das Bandmaß wie gesagt sehr wichtig für den EK war,
durften die Achtziger die EKs jederzeit (auch im Waschraum - sehr
beliebt) zum Vorzeigen des Bandmaßes auffordern. EKs, die man hier ohne
Bandmaß ertappte, zahlten ebenfalls eine Mark in die Putscherkasse.
Ja,
so erlebte ich die berüchtigte EK–Bewegung an der Grünen Grenze.
Natürlich putzte auch an der Grenze ein EK Stube, Gang und Klo nicht
mehr. Das durften ausnahmslos wir „Achtziger“ - wie man uns in
Anlehnung auf einen früheren Soldaten - Einstiegssold von 80,00 Mark
nannte - , erledigen. Aber die Stiefel putzte sich schon jeder selbst.
Bunte Spiele (z.B. Zugfahrt der EKs nach Hause) gab es nur zur
Belustigung aller, kaum auf Kosten der Achtziger.
Sicher lag
das hauptsächlich daran, dass wir täglich mit scharfen Waffen umgingen.
Ein drangsalierter Achtziger hätte schnell durchdrehen und großen
Schaden anrichten können. Vielleicht war es aber auch ein wenig
das Gefühl, das wir Grenzer schon in einer besonderen Situation waren
und deshalb besser zusammenhalten sollten. Ich durfte auf jeden Fall in
dieser Zeit die beste Kameradschaft erleben, und das ist jetzt nicht
der verklärte Blick auf die Vergangenheit, das war wirklich so.
Wie
gesagt, bei anderen Waffengattungen ging es da ganz anders zu, es gab
sogar Selbstmorde von gedemütigten und gequälten Soldaten. Deshalb
stößt man oft auch auf Unverständnis, wenn man heute von
"Kameradschaft" spricht. Aber ich habe das wirklich so wie geschildert
erfahren dürfen
Flucht und Fluchtversuche an der Innerdeutschen Grenze -
Viele haben es versucht,
aber wenige haben den Weg in die Freiheit geschafft
Jede Nacht fuhren damals aus Budapest Flüchtlingsgruppen
los, Richtung österreichische Grenze. Ihr Gepäck hatten
sie meist im Lager zurückgelassen, die Botschaft
schaffte es in großen LKW-Fuhren nach geglückter Flucht
an die angegebenen Adressen in Westdeutschland. Jede
Nacht rannten, robbten und krochen Hunderte im Mondlicht
kilometerweit durch Maisfelder, Wald und Unterholz. Die
ungarischen Grenztruppen würden nicht scharf schießen,
lautete ein Gerücht.
Leider war das Gerücht falsch:
Am 21. August wurde der DDR-Bürger Kurt Werner Schulz
bei Györ erschossen, als er mit seiner Lebensgefährtin
und dem gemeinsamen Kind gerade die Grenzlinie erreicht
hatte. Beim Handgemenge mit ungarischen Grenzsoldaten
löste sich aus einer Kalaschnikov ein tödlicher Schuss,
Schulz kroch noch auf österreichisches Gebiet, wurde
sterbend zurückgeholt, der Grenzsoldat erlitt einen
Nervenzusammenbruch. Er war - wie viele seiner jungen
Kollegen - durch die neue Situation überfordert.
Auch der Autor dieses Beitrags hatte eine Gruppe von
vier DDR-Bürgern bei ihrer dramatischen Flucht durch das
Grenzgebiet begleitet.
"Als wir von einer Streife entdeckt wurden und
davonrennen wollten, feuerten zwei Soldaten Dutzende von
scharfen Warnschüssen über unsere Köpfe hinweg und dicht
neben uns in den Acker - bis wir uns schockiert
festnehmen ließen. Unsere von Budapester Diplomaten
aufgeschnappte Information, die Grenzsoldaten schössen
nur noch mit Platzpatronen, erwies sich als böser
Irrtum.
Abtransport, mehrstündiges Verhör in der Kaserne von
Fertörakos. Dutzende von anderen DDR-Flüchtlingen waren
dort bereits festgenommen worden, etliche schon zum
wiederholten Mal. Um Mitternacht ließ uns der
Kommandeur, Major Gustav Ovári, plötzlich frei. Beim
Abschied flüsterte er uns zu: 'Warum seid Ihr nicht
durch den Wald gegangen? Da gibt es doch keine
Soldaten!' Dank Ováris Rat gelangten wir noch in dieser
Nacht nach fünfstündigem Marsch durch dunkles Unterholz
und rostige Stacheldrahtverhaue glücklich nach
Österreich. Major Ovári hat sicherlich auch anderen
heimlich auf diese Weise geholfen."
Eine Woche später kehrte der Münchner TV-Journalist
Christian Zoltcer zu ihm zurück, der damals ebenfalls
festgenommen worden war. Jetzt ermunterte Ovári in einem
Gespräch die DDR-Bürger in Ungarn faktisch sogar zur
Flucht: »Wir schießen hier nicht mehr auf Menschen. Wir
schrecken sie mit Warnschüssen und Hundegebell nur ab -
damit nicht noch mehr kommen. Doch wenn die
DDR-Flüchtlinge schneller laufen als meine Soldaten,
dann haben sie gewonnen und sind in Freiheit.«
Demonstrativ zerknickte er dabei ein Stück des
durchlöcherten, rostigen Stacheldrahtzaunes, das sofort
zerbrach. Das Interview mit Ovári wurde via
ARD-Tagesthemen auch in der DDR gesehen. Man kann sich
vorstellen, welche Wirkung es dort hatte.
Ein Jahr später erzählte mir Major Ovári die Motive
seines Handelns: »Seit 22 Jahren bin ich schon hier an
dieser Grenze. ich konnte bisher nur hinüberblicken.
Doch es war immer ein großer Traum von mir, einmal mit
meiner Frau Hand in Hand auf der anderen Seite spazieren
zu gehen. Als Grenzsoldat aber war das früher unmöglich.
Doch immer habe ich diese Sehnsucht gefühlt, wenn ich
hinüberschaute. Ich konnte daher mitempfinden, was die
DDR-Flüchtlinge gefühlt haben müssen. Und so gelang es
mir, diese Humanität auch auf meine Soldaten zu
übertragen.
Dann führte er uns noch einmal ins Grenzgebiet zwischen
Fertörakos und Mörbisch. Noch immer dieselben
Trampelpfade, dazwischen rostige Stacheldraht-Reste an
morschen Grenzpfählen. Ovári: »Hier, an dieser Stelle,
gelang wohl mehr als 5000 DDR-Bürgern die Flucht in den
Westen. Hier ging die Welle los, hier bekam sie ihre
stärkste Dynamik. Hier haben meine Soldaten rund 5000
mal DDR-Bürger festgenommen und sie kurz darauf immer
wieder freigelassen - bis ihnen ihre Flucht endlich
gelungen war. Nur aus außenpolitischer Rücksicht
gegenüber der DDR mussten wir diese Festnahmen
durchführen. Hier war der Ausgangspunkt der politischen
Kettenreaktion, die zum Ende der DDR führte. jetzt
kommen hier meist Rumänen und Russen durch, die
denselben Weg in den Westen nehmen wie damals die
Ostdeutschen. Ich meine: Wir haben hier in Sopron
sozusagen den ersten Stein aus der Berliner Mauer
herausgebrochen.«
Auf Ováris Schreibtisch steht tatsächlich ein
Trümmerstück aus der Berliner Mauer. Es ist der
symbolische Dank eines DDR-Flüchtling für Ováris
menschliche Haltung.
Inoffizielle Hilfe zur Massenflucht: Das war noch viel
mehr das berühmt gewordene "Paneuropäische Picknick am
19. August 1989 an einem kleinen Grenzübergang bei
Sopron. Organisator war die Paneuropa-Union,
Schirmherren waren Imre Poszgay und der
Europaabgeordnete Otto von Habsburg (der sich bei der
Feier wegen einer Terminüberschneidung durch seine
Tochter vertreten ließ).
Pozsgay und seine politischen Freunde hatten zuvor über
private Kanäle unter DDR-Bürgern im Budapester
Flüchtlingslager den Hinweis gestreut, dass man an diesem
Tag kurz den Grenzzaun öffnen werde. Wer dann
»zufälligerweise« dort sei, könne ungehindert hin- und
hergehen. Sogar fotokopierte »Wanderkarten« mit den
Wegen zum Ort der Feier wurden verteilt.
Die ungarischen Grenzwachen wären an diesem Sonntag
besonders dünn besetzt, als die Feier zu beiden Seiten
des Grenzstreifens begann. Angestrengt-unauffällig
lauschten auffallend viele Touristen auf der ungarischen
Seite den Vorreden diverser Europapolitiker. Dann -
endlich öffnete ein Grenzer unter Beifall das alte
Holztor. Plötzlich kam Bewegung in die DDR-Touristen:
Das Tor war kaum offen, da drängte schon ein Paar
hindurch, die Frau stürzte vor Aufregung zu Boden, über
sie hinweg rannten immer schneller die nachströmenden
Flüchtlinge, die das Ereignis kaum fassen konnten und
eine Stunde später wie betäubt und schluchzend mit ihren
Kindern am Wegesrand standen. Eine junge DDR-Bürgerin
wurde bei dem Durchbruch von den Massen derart
niedergetrampelt, dass sie verletzt in ein Krankenhaus
gebracht werden musste - zu ihrem Pech zurück nach
Ungarn.
Rund 1200 DDR-Bürgern gelang damals diese erste,
öffentliche Massenflucht. Angesichts der Fernsehbilder
brach in der DDR unter den Ausreisewilligen fast
Hysterie aus. Rund 150.000 Anträge auf ständige Ausreise
lagen damals bereits den Behörden vor. War nun die
letzte, die allerletzte Chance vor den jetzt zu
befürchtenden Reisebeschränkungen verpasst? Die
Urlaubssaison neigte sich dem Ende zu. Trotzdem machen
sich noch mehrere zehntausend DDR-Bürger sofort auf den
Weg nach Ungarn.
Aus Angst, diese letzte Chance zu verpassen, warteten
auch dort bereits Zehntausende DDR-Urlauber die
Entwicklung ab. Sie hatten ihren Aufenthalt verlängert
oder als Transitreisende auf dem Rückweg vom Schwarzen
Meer hier gestoppt. In den Familien gab es quälende,
herzzerreißende Diskussionen um das Für und Wider der
Flucht. Kinder verabschiedeten sich von ihren Eltern.
Freunde und Freundinnen trennten sich, selbst
Ehepartner. Sie glaubten, es sei für viele Jahre. Und
ihnen blieb nur die ungewisse Hoffnung, sich irgendwann
einmal mit staatlicher Genehmigung wieder sehen zu
dürfen.
Eine schier unerträgliche Endzeitstimmung brach unter
vielen DDR-Bürgern aus. Der 1. September - Schulbeginn
in der DDR - war für viele Wartende mit Kindern der
Stichtag einer schwierigen Entscheidung. Wie viele
Schulbänke würden wohl zu Hause im neuen Schuljahr
leer bleiben?
Zwei weitere Massenfluchten wurden gemeldet. Die erste
fand am helllichten Tage statt: Vor laufender
Fernsehkamera fuhren rund 150 überfüllte DDR-Autos dicht
hintereinander auf den österreichischen Grenzübergang
Klingenbach. 100 Meter vor der ungarischen Zollstation
sprangen Flüchtlinge plötzlich alle gleichzeitig aus den
noch ausrollenden Autos, rissen ihre Kinder mit heraus.
Sie nahmen flüchtend nur mit, was sie am Leib tragen
konnten. Sie ließen ihre Autos zurück, auf die sie zehn
Jahre lang gespart und gewartet hatten. Weiße
Taschentücher schwenkend fluteten die Menschen - unter
den Augen der verdutzten Grenzer - in einer breiten
Prozession über abgeerntete Felder in den Westen.
Die dritte Massenflucht jedoch scheiterte dramatisch.
DDR-Stasi-Agenten in Budapest hatten ihren ungarischen
Kollegen verraten, dass eine ZDF-Reporterin angeblich
vier Busse gemietet habe, um rund 200 Flüchtlinge zur
Grenze zu bringen. Die DDR-Botschaft setzte daraufhin
das Innenministerium unter Druck. Mehrere hundert
Grenzsoldaten stellten sich den Flüchtlingen in
gestaffelter Kette entgegen.
Doch die Flüchtlinge marschierten mit dem Mut der
Verzweiflung auf sie zu und versuchten, sie mit dem
Absingen der »Internationale« zu verwirren. Eingehakt
drängten sie die Posten-Kette immer wieder zurück. Die
Grenzsoldaten schossen mit Tränengas und schwangen
drohend ihre Gummiknüppel dicht über den Köpfen der
Flüchtlinge, schämten sich jedoch meist, wirklich
zuzuschlagen. Da begannen einzelne Offiziere, ihren
Soldaten nacheinander die Kalaschnikow-Maschinenpistolen
abzunehmen und feuerten damit minutenlang wild in die
Luft.
Vergeblich - die Flüchtlinge rückten auch dann noch
weiter vor, als die Offiziere dicht vor ihnen
MP-Sperrfeuer in den Boden schossen, so dass ihnen
jaulende Querschläger nur so um die Ohren flogen.
Plötzlich brach ein 14jähriges Mädchen schreiend und
blutend zusammen - ein Geschoß-Splitter hatte sie an der
Schulter getroffen. Erst jetzt gaben die entnervten
Flüchtlinge auf, ließen sich widerstandslos zu den
Bussen zurückführen. Viele weinten.
Das Scheitern dieses bisher größten Durchbruchversuchs
sprach sich in den Flüchtlingslagern schnell herum. Es
markierte das Ende der Massenfluchten über die grüne
Grenze. Volker Rühe, damals Fraktionsvize der
CDU-CSU-Bundestagsfraktion, kam nach Budapest und
forderte die DDR-Flüchtlinge auf einer Pressekonferenz
zum Abwarten auf -niemand werde zurückgeschickt. Das war
das Stichwort: Immer mehr DDR-Flüchtlinge sammelten sich
in den fünf Flüchtlingslagern an, die Ungarn nun in
rascher Folge einrichtete. Abwarten auf eine politische
Lösung - doch wie lange noch?
Fast alle hatten jetzt Angst vor weiteren
Fluchtversuchen.
Die stalinistischen Arbeitermilizen hatten hart
zugeschlagen. Doch das ungarische Fernsehen berichtete
kritisch darüber und zeigte die primitive Schlägertruppe
durch geschickte Kameraführung geradezu froschgesichtig
hässlich. Es kam zu einem derartigen öffentlichen
Aufschrei, dass die Milizen wieder abgezogen wurden.
Immer mehr Ungarn hatten jetzt Mitleid mit der Lage der
DDR-Flüchtlinge und forderten deren freie Ausreise. Auch
die DDR zeigte erstmals Nervosität: Wütend dementierte
ADN eine Meldung der »Welt«, wonach die DDR zum 1.
September eine Einschränkung des Reiseverkehrs nach
Ungarn plane. Das Gerücht jedoch ging längst um in der
DDR und trieb nur noch mehr Bürger nach Ungarn.
Bundeskanzler Kohl schlug mehrfach direkte Gespräche mit
Honecker über die Flüchtlingsfrage vor. Doch die DDR
reagierte darauf nicht - um nicht faktisch ein
Einmischungsrecht der BRD zu akzeptieren.
Am 25. August übergab DDR-Botschafter Gerd Veres in
Budapest eine Protestnote seiner Regierung, in der er
die 'Sogwirkung' der Flüchtlingslager kritisierte und
von Ungarn verlangte, die DDR-Bürger zur Rückkehr
aufzufordern. Vielsagend erklärte Veres, dass dieses
Schreiben (noch?) keine Drohung enthalte. Der ungarische
Staatssekretär Kovacs blieb kühl: Die Krise sei von der
DDR selbst ausgelöst worden; damit liege der Schlüssel
zur Lösung in anderen Händen.
Der Grenzsignalzaun war
eine der sichersten Arten der Grenzsicherung an der
Innerdeutschen Grenze
Mir sind
drei Formen des Signalzauns bekannt (chronologisch
geordnet):
- ca. 3-Meter Streckmetallzaun mit Abweisern Richtung
DDR - an denen 4 Reihen Stacheldraht als Signaldrähte
angebracht waren
- ca. 2-Meter-Zaun - unten ein Streckmetallfeld, darüber
12 Reihen Stacheldraht als Signaldrähte und am oberen
Abschluss-Abweiser in Richtung DDR, wiederum mit 3 oder 4
Reihen.
- ca. 2-Meter-Streckmetallzaun - davor in Richtung DDR
(von unten nach oben) alle 30 cm Reihen aus Stacheldraht
als Signaldraht und darüber Abweiser in beide Richtung
mit je 4 Reihen.
An die Signaldrähte war eine Signalspannung angelegt,
die sowohl auf Unterbrechung als auch auf Kontakt mit
einem anderen Signaldraht reagierte. Eine einfache
Berührung eines Signaldrahtes führte noch nicht zur
Auslösung. Diese Alarmtechnik ließ sich nur am
Schaltkasten abstellen, der sich jedoch zwischen
Signalzaun und Grenzzaun befand.
Der Grenzsignalzaun war in Felder unterteilt. In der
Führungsstelle waren Signalgeräte (Standard KSB -
Kompaniesignalgerät Brocken) aufgestellt, die eine
Auslösung innerhalb eines Feldes anzeigten. Somit wusste
der Kommandeur Grenzsicherung auf ca. 300 m genau, wo
die Auslösung erfolgt war und konnte die Maßnahmen zur
Abriegelung in der entsprechenden Richtung befehlen. An
den alten Zäunen (erste und zweite Bauart s.o.) war der
Zustand der Signaldrähte zum Teil so schlecht, dass zur
Überprüfung der Auslösung die Drähte an den
Kontaktstellen erst mit dem Taschenmesser blankgeputzt
werden mussten. Mit dem neuen Zaun hatte ich selbst
keine Erfahrung mehr.
Wildauslösungen gehörten sowohl an den Signalzäunen als
auch Minen zur Tagesordnung. Im Vergleich dazu waren
aber technische Auslösungen häufiger. Abgesoffene Kabel,
Kurzschluss durch Regen- oder Tauwasser,
Spannungsschwankungen, fehlerhafte Schaltschränke,
extreme Temperaturschwankungen - solche Dinge haben uns
mehr beschäftigt als Rehe und Wildschweine. Interessant
waren Füchse. Die haben sich mit schöner Regelmäßigkeit
unter den ca. 60 cm tief eingegrabenen
Streckmetallplatten durchgegraben ohne auszulösen, aber
zum Schrecken der Kontrollstreifen. Der mir bekannte
Rekord waren 62 Auslösungen in einer Nacht (Gott sei
Dank nicht bei uns im Abschnitt).
Die Anfänge des Grenzsignalzaunes waren einfacher Natur:
2 potenzialseitig abwechselnd gespannte Drähte, die in
der FüSt mit einer Kontrollleuchte einen Stromkreis
bildeten. Problem dabei war, dass wenn Kleinspannung
unter 42 V (und die war Grundvoraussetzung) verwendet
wurde, der Draht am Zaun einen sehr hohen
Eigenwiderstand hatte, weshalb Felder zwischen 200 - 300
m schon das Maximum darstellten. Mit diesem Zaun konnte
man Unterbrechungen und auch Kurzschluss überwachen. Die
einfachste Version hatte nur ein Relais im
Stromkreislauf, welches bei Unterbrechung oder
Kurzschluss abfiel und so einen Alarm im entsprechenden
Feld auslöste. Das Grundproblem (hoher Eigenwiderstand
der Zaundrähte) führte dann zu einer Verbesserung. Es
wurde eine Frequenzüberwachung aufgebaut, die mit
niederer Frequenz (durchaus im hörbaren Bereich) eine
deutliche Verbesserung der Signalfelder erreichte. So
wurde dann der Stacheldraht mit einer Frequenzspannung
betrieben, welche im Schaltkasten auf Frequenzresonanz
ausgewertet wurde. Dadurch wurde der Zaun empfindlicher,
und es bedurfte keinem Kurzschluss oder Unterbrechung, um
ein Zaunfeld auslösen zu lassen. Der Innenwiderstand
eines Menschen, der gleichzeitig zwei unterschiedliche
Drähte berührte, reichte aus, um das Feld zur Auslösung
zu bringen. Somit löste aber auch ein hinein fliegender
Vogel oder eine sich am Zaun kratzende Wildsau, Rehwild,
hineinwachsende Pflanzen z.B. dann den Alarm am Zaun aus
Wer vor der
Wende nach West-Berlin wollte, musste die
Transitautobahnen durch die DDR benutzen. Eine der meist
befahrenen Transitstrecken war die Autobahn A2
Hannover-Berlin, vorbei am Grenzübergang
Marienborn/Helmstedt. Aber was hat man alles so erlebt
auf der Transitstrecke, und was war erlaubt, und was war
verboten? Hier ein paar kleine Geschichten von
Augenzeugen und Transitfahrern:
Der ADAC hatte 1988 ein Abkommen mit dem
Verkehrskombinat Potsdam bezüglich Pannenhilfe auf den
Transitstrecken geschlossen. Die dortigen Mitarbeiter
wurden von Seiten des ADAC in der Technik der westlichen
Fahrzeuge geschult, es wurden vom ADAC die
Hilfsfahrzeuge sowie eine Grundausstattung Hilfsmaterial
für die kleineren Pannen zur Verfügung gestellt. Die
Pannenhilfe selber erfolgte jedoch durch DDR-Bürger, die
auch nicht beim ADAC angestellt waren. Von daher ist es
nur logisch, dass sie auch DDR-Bürgern bei Pannen
halfen. Es
war meines Wissens strikt untersagt, als
Transitreisender die Autobahn unterwegs zu verlassen. Es
sollte damit vermieden werden, dass unkontrolliert
Kontakt zwischen West und Ost zustande kam, Waren
ausgetauscht wurden oder sogar Personen geschmuggelt
wurden. Man konnte auch davon ausgehen, dass man auf den
Rastanlagen nicht unbeobachtet war. Es gibt sogar
Berichte, in denen die Staatssicherheit die Autobahn in
Westfahrzeugen mit West-Kennzeichen bestreifte, man
erkannte diese Fahrzeuge dann an der fehlenden
TÜV-Plakette.
Die Tankstellen an den
Transitstrecken - zumindest der Strecke
Berlin-Marienborn - waren immer mit Raststätten
verbunden, und in den Raststätten war immer ein
Intershop. Für PKW waren es auf der Strecke von Berlin
gesehen: Raststätte Michendorf, Raststätte Ziesar,
Raststätte Börde bei Magdeburg.
Busrastplatz in dieser Strecke war bei Theeßen - ohne
Tankstelle, aber natürlich mit Intershop, wenn ich mich
recht erinnere, aber nur auf einer Fahrbahnseite - beide
Seiten waren durch ein Fußgängerbrücke verbunden.
Die Einfahrtzeit stand auf dem
Einreisestempel. Bei Verdacht wurde das bei der Ausreise
kontrolliert. Hat man die gewöhnliche Durchreisezeit
deutlich überschritten, musste man eine gute Ausrede
haben, sonst gab es peinliche Fragen und Ärger. Oh ja,
ich hatte auch mal illegale Treffen -- aber vorsorglich
einen zerrissenen Keilriemen dabei. Mit dreckigen Pfoten
kam ich ein paar Stunden zu spät an der Grenze an - das
war Ausrede genug. Ein anders Mal provozierte ich eine
(noch billige) Geschwindigkeitsübertretung. Die
"Straßenräuber" standen ja immer in den selben getarnten
Winkeln, z.B. Nimegk. Also mit 10X km/h vorbei gerast,
30,- DM (Devisen!) abgedrückt, und die Quittung war die
"staatlich dokumentierte" Ausrede. Verlassen der
vorgeschriebenen Transitstrecke war ein
Staatsverbrechen. Auf meinem Weg von Bayern nach Stettin
nahm ich die deutlich kürzere Strecke nördlich um den
Berliner Ring. Das kostete mich 200,- DM und fast 3
Stunden Diskussionen und Belehrungen.
(Beitrag
auf Hinweis von icke46 durch Bunkerkommandant editiert
und fachlich berichtigt)
Der
Grenzübergang Dreilinden 1989 und heute - 20 Jahre nach dem Fall
der Mauer, heute ist nichts mehr von den Sperranlagen
zu sehen.
Der Bundesgrenzschutz
und seine Aufgaben an der Innerdeutschen Grenze
Die Aufgaben des BGS
an der innerdeutschen Grenze waren genau so klar wie
die Aufgaben der DDR-Grenztruppen. Der Bundesgrenzschutz
leistete aber auch Aufklärungsarbeit für die vielen
Grenztouristen die tagtäglich die innerdeutschen Grenze
besucht haben. Es kam oft vor, dass Bürger der BRD
den Grenzverlauf zur DDR falsch eingeschätzt haben und
so eine Grenzverletzung vorlag. Um den Grenztouristen
den Verlauf der innerdeutschen Grenze deutlich zu machen,
wurde ein Informationszettel an die Grenztouristen
ausgeben, die
sich im unmittelbaren Grenzgebiet zur DDR aufgehalten
haben.
Die DDR-Grenzanlagen und der Metallgitterzaun
bilden nicht die
Grenze zur DDR! Die Grenzanlagen stehen bereits im Hoheitsgebiet der
DDR! Es ist also falsch zu glauben, dass der Grenzzaun auch wirklich die
Grenze ist!
Der genaue Verlauf der Grenze zwischen
BRD und DDR ist markiert mit Grenzschildern und Grenzmarkierungen.
Jeder, der sich im Grenzgebiet zur DDR aufhält, sollte sich vorher genau
erkundigen, wo die Grenze zur DDR genau verläuft, um eine
Grenzverletzung zu vermeiden. Somit werden gefährliche Situationen mit den DDR-Grenztruppen vermieden.
Es
wird empfohlen im Grenzgebiet zur DDR nur befestigte Straßen und Wege
zu benutzen, denn dort ist der Grenzverlauf zur DDR besonders gut zu erkennen. Die Grenzsperranlagen der DDR sind auch von einigen gut
gesicherten Punkten gut einsehbar.
Auf dem Gebiet der DDR
gelten andere Gesetzesvorschriften als in der Bundesrepublik. Es ist
bekannt, dass Grenzorgane der DDR zur höchsten Schärfe angehalten sind, um
Grenzübertritte zu verhindern. Wer die Grenze zur DDR trotz aller
Warnungen überschreitet, begibt sich in Gefahr!
Das erste Bundesgrenzschutzgesetz wurde am 16. März 1951 verkündet und
das erste Personal am 28. Mai 1951 der Öffentlichkeit vorgestellt. Am
19. September 1951 wurde der „Paßkontrolldienst in der Britischen Zone“
als eigene Organisation gegründet und am 3. Oktober 1952 in den BGS
überführt. Der Seegrenzschutzverband wurde am 1. Juli 1951 aufgestellt.
Dem für den BGS zuständigen Bundesinnenministerium nachgeordnet waren
die Passkontrolldirektion mit 10 Passkontrollämtern (ab dem 3. Oktober
1952) und die Grenzschutzkommandos (GSK) Süd, Mitte, Nord und Küste,
das Kommando der GS-Schulen sowie die zentralen Dienststellen. Jedem
GSK waren zwei Grenzschutzgruppen (GSG) nachgeordnet. Dem GSK Süd die
GSG 1 und 2, dem GSK Mitte die GSG 3 und 4, dem GSK Nord die GSG 5 und
6 und dem GSK Küste die GSG 7 und See. Jede GSG (bis auf die GSG See)
bestand aus drei Abteilungen (GSA), jede Abteilung aus vier
Hundertschaften. Die GSG See bestand aus den Seegrenzschutzverbänden
(SGV) I und II. Außerdem war jedem GSK (außer GSK Küste) eine
Fernmeldehundertschaft und eine GSA Bau (GSAB) nachgeordnet; der GSAB
eine Bauhundertschaft. Dem GSK Küste war dagegen nur eine
Fernmeldehundertschaft nachgeordnet.
Die Opfer der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer
Viele Menschen haben
versucht, die DDR über die Berliner Mauer und die
innerdeutsche Grenze zu verlassen. Einige haben es
geschafft, aber über 1065 Menschen mussten ihr Leben
lassen. Die Opfer an der Berliner Mauer und
innerdeutschen Grenze teilen sich wie folgt auf:
Getötete Flüchtlinge vor und nach dem 13.August 1961:
getötete
Flüchtlinge/Personen Berliner Grenze/Mauer: 37 / 190
getötete Flüchtlinge/Personen innerdeutsche Grenze: 247
/ 237
getötete Flüchtlinge/Personen Ostsee: 17 / 164
bei Fluchtversuch getötete DDR-Grenzsoldaten: 18 / 19
sonstige Todesfälle, auch außerhalb der DDR: 59 / 77
Eines der ersten Opfer der Mauer in Berlin war am
22.8.1961 Ida Siekmann
Ida Siekmann sprang am
Tag vor ihrem 59. Geburtstag aus der dritten Etage ihres
Wohnhauses in der Bernauer Strasse 48 auf den in
West-Berlin gelegenen Bürgersteig. Vor ihrem Sprung
hatte sie lediglich einige Federbetten auf den Gehweg
geworfen, die ihr jedoch keinen ausreichenden Schutz
boten. Sie kam bei ihrem Fluchtversuch ums Leben.
Peter Fechter starb
am 17.August 1962 an der Berliner Mauer
Er wurde am 17. August
1962 von Grenzsoldaten der DDR erschossen, als er
versuchte, die Mauer Richtung West-Berlin zu
übersteigen. Schwer verletzt lag Peter Fechter fast eine
Stunde lang ohne medizinische Hilfe im Grenzstreifen am
Fuße der Mauer. Die West-Berliner Polizei durfte nicht
eingreifen. Auch die Posten der West-Alliierten am
Checkpoint Charlie schalteten sich nicht ein. Erst
nach
fast einer Stunde wurde der Sterbende von den
Grenzsoldaten der DDR abtransportiert.
Michael
Gartenschläger starb am 1. Mai 1976 im Auftrag der Stasi
beim Abbau einer SM-70
In der Nacht auf den 1.
Mai 1976 wollte er zusammen mit zwei Helfern eine dritte
Selbstschussanlage von der Grenzanlage zwischen
Schleswig-Holstein und der DDR abbauen. Michael
Gartenschläger wusste zwar, dass man die
Selbstschussanlagen nach seiner zweiten Aktion am 23.
April modifiziert hatte und er deshalb beim unachtsamen
Entfernen einer SM-70 von einer anderen getroffen worden
wäre. Aber er ahnte nicht, dass seit dem 24. April ein
Sonderkommando des Ministeriums für Staatssicherheit auf
ihn wartete, denn das Vorhaben war von einem IM der
Stasi verraten worden, der allerdings weder den genauen
Ort noch den Tag der geplanten Aktion hatte angeben
können. Weil Michael Gartenschläger und seine zwei
Helfer kurz vor Mitternacht an der Grenze bei Wendisch-Lieps im Kreis Hagenow Geräusche hörten,
brachen sie das Vorhaben ab. Damit man später sehen
konnte, dass wieder jemand an der Grenze war, wollte
Michael Gartenschläger nur kurz eine der
Selbstschussanlagen auslösen und sich dann ebenfalls
zurückziehen. Dabei wurde er ohne Vorwarnung erschossen.
Das waren nur einige Beispiele von Opfern die an der
Innerdeutschen Grenze ihr Leben lassen mussten.
Den Dienst an der
innerdeutschen Grenze mussten auch an Silvester beide
Seiten versehen - egal ob Bundesgrenzschutz oder
DDR-Grenztruppen. Viele Menschen glaubten, dass zu
Silvester die Grenztruppen verstärkt wurden, aber es war
eigentlich ein Tag wie jeder andere an der Grenze. Vom
Ablauf dieser Dienstschichten zum Jahreswechsel handeln
die nachfolgenden Berichte einiger Augenzeugen.
Ich 05/88 bis 10/89 habe den Jahreswechsel auch im Dienst versehen.
Genauso wie die Weihnachtsfeiertage in diesem Jahr, aber wieder zurück
zum Jahreswechsel, wenn ich mich recht erinnere hatten wir verstärkte
Grenzsicherung und alles bis auf wenige Kameraden waren draußen. Da
ich in der Küche tätig war, habe ich dem UvD und seinen Gehilfen etwas
ordentliches zum speisen zubereitet und als der Jahreswechsel begann
haben wir kurz aus dem Fenster im Fernsehraum geschaut, als Feuerwerk
gab es von einem Uffz. von uns einige Raketen unten an der Kneipe
(ERA) und wir haben im Fernsehraum ein einziges Tischfeuerwerk gezündet,
hatte ein Urlauber mitgebracht. Danach war es im Objekt ruhig und nur
die "Russen" haben ganz schön viele Signalraketen abgehen lassen! Das
war wohl mein uncoolster Jahreswechsel den ich je hatte! (küche69)
Ich war zum Jahreswechsel 86/87 an der Grenze im Harz. Dienst hatte ich
von 22.00 Uhr bis 06.00 Uhr am Schanzenauslauf (Wurmbergschanze). Es war
eine kalte klare Winternacht mit viel Schnee. Soweit ich mich erinnern
kann waren ein paar Streifen von uns mehr im Abschnitt, aber ansonsten
normale Lage. Zum Jahreswechsel wurden in Schierke ein paar Raketen
in den Himmel geschickt, die Russen auf dem Brocken haben einige
Feldbeleuchtungsraketen hochgejagt, die hingen dann mehrere Minuten über
dem Brocken, ja und das war's eigentlich. Ein "gesundes neues" wurde über
Funk gesagt und dann hoffte man das die Schicht bald rum ist und man
aus der Kälte in die Kompanie konnte.(grenzgänger86)
Sylvester 72/73 war ich damals im Grenzdienst. War eine Schicht, wie
jede andere, also weder verstärkte Grenzsicherung, noch
12-Stundenschicht oder dergleichen. Wäre auch lieber zu Hause gewesen
und hätte mit Freunden gefeiert. Damals konnte ich wenigstens noch
feiern, nicht wie heute, wo ich schon nach einem Bier abwinken muss. Wir
hatten damals einen recht guten Postenplatz erwischt. Er lag direkt
gegenüber von Grasleben. So bekam man wenigstens visuell mit, wann das
Jahr vorbei war. Bei den Berlinern war es bestimmt zu Sylvester
interessanter. Aber bei uns in der "Einöde" war es schon ein Highlight,
wenn in Grasleben die Raketen in die Luft stiegen. So hatte man
wenigstens das Gefühl, ein klein wenig vom Jahreswechsel mitzubekommen. Ja,
Heiligabend, Sylvester...............beide male hatte
ich Nachtschicht.
Beobachtungsturm BT-11
an der innerdeutschen Grenze im Einsatz
Die Beobachtungstürme vom Typ BT11 wurden von 1966 bis 1976 an der innerdeutschen Grenze als Teil der Grenzsperranlagen aufgebaut. Die Türme hatten eine charakteristische, achteckige Kanzel.
Die Zugangstür Die Metall-Tür war immer an
der Ostseite (DDR), man konnte auf diese
Weise im Westen nicht sehen, ob jemand hinein oder hinaus ging.
Von innen war die Tür im Turm wie bei jeder Gasse im Grenzsignalzaun
mit einem Kontakt gesichert, so dass bei unbefugtem Öffnen Alarm
ausgelöst wurde. Das heißt das Öffnen musste vorher durch die FüSt
freigegeben werden.
Kanzelloch/Zugangsloch Die Klappe zur Kanzel war immer zu, aber nicht verschlossen. Die Klappe war aus Metall.
Kanzel des BT 11 Die Kanzel war 8–eckig mit
acht Fenstern, welche alle nur nach außen
geöffnet werden konnten. Sie schwangen wie Dachfenster nach oben und konnten
auf verschiedenen Stufen arretiert werden. Außerdem gab es acht
Schusslöcher aus Metall. In der Kanzel befanden sich zwei Barhocker,
das Dienstbuch, topographische Karten des Grenzabschnitts, Kennzeichen von
Bundesgrenzschutz und U.S. Militär (nur anwesend, wenn Gegneraufklärung primär war), ein Anschluss an das
Grenzmeldenetz, ein Heizungselement und ein Seil zum
Abseilen.
Die Kanzel bot Platz für 4 bis 5 Grenzer.
Dach des BT 11 Das Dach war begehbar und auf dem Dach war ein
Rehling montiert. Auf
dem Dach war ein riesiger Scheinwerfer (ca. 1m Durchmesser) montiert.
Dieser wurde von innen über ein Hebelsystem mechanisch bedient. Die
Dachluke war immer zu, aber nicht verschlossen.