Flucht und Fluchtversuche an der Innerdeutschen Grenze -
Viele haben es versucht,
aber wenige haben den Weg in die Freiheit geschafft
Jede Nacht fuhren damals aus Budapest Flüchtlingsgruppen
los, Richtung österreichische Grenze. Ihr Gepäck hatten
sie meist im Lager zurückgelassen, die Botschaft
schaffte es in großen LKW-Fuhren nach geglückter Flucht
an die angegebenen Adressen in Westdeutschland. Jede
Nacht rannten, robbten und krochen Hunderte im Mondlicht
kilometerweit durch Maisfelder, Wald und Unterholz. Die
ungarischen Grenztruppen würden nicht scharf schießen,
lautete ein Gerücht.
Leider war das Gerücht falsch:
Am 21. August wurde der DDR-Bürger Kurt Werner Schulz
bei Györ erschossen, als er mit seiner Lebensgefährtin
und dem gemeinsamen Kind gerade die Grenzlinie erreicht
hatte. Beim Handgemenge mit ungarischen Grenzsoldaten
löste sich aus einer Kalaschnikov ein tödlicher Schuss,
Schulz kroch noch auf österreichisches Gebiet, wurde
sterbend zurückgeholt, der Grenzsoldat erlitt einen
Nervenzusammenbruch. Er war - wie viele seiner jungen
Kollegen - durch die neue Situation überfordert.
Auch der Autor dieses Beitrags hatte eine Gruppe von
vier DDR-Bürgern bei ihrer dramatischen Flucht durch das
Grenzgebiet begleitet.
"Als wir von einer Streife entdeckt wurden und
davonrennen wollten, feuerten zwei Soldaten Dutzende von
scharfen Warnschüssen über unsere Köpfe hinweg und dicht
neben uns in den Acker - bis wir uns schockiert
festnehmen ließen. Unsere von Budapester Diplomaten
aufgeschnappte Information, die Grenzsoldaten schössen
nur noch mit Platzpatronen, erwies sich als böser
Irrtum.
Abtransport, mehrstündiges Verhör in der Kaserne von
Fertörakos. Dutzende von anderen DDR-Flüchtlingen waren
dort bereits festgenommen worden, etliche schon zum
wiederholten Mal. Um Mitternacht ließ uns der
Kommandeur, Major Gustav Ovári, plötzlich frei. Beim
Abschied flüsterte er uns zu: 'Warum seid Ihr nicht
durch den Wald gegangen? Da gibt es doch keine
Soldaten!' Dank Ováris Rat gelangten wir noch in dieser
Nacht nach fünfstündigem Marsch durch dunkles Unterholz
und rostige Stacheldrahtverhaue glücklich nach
Österreich. Major Ovári hat sicherlich auch anderen
heimlich auf diese Weise geholfen."
Eine Woche später kehrte der Münchner TV-Journalist
Christian Zoltcer zu ihm zurück, der damals ebenfalls
festgenommen worden war. Jetzt ermunterte Ovári in einem
Gespräch die DDR-Bürger in Ungarn faktisch sogar zur
Flucht: »Wir schießen hier nicht mehr auf Menschen. Wir
schrecken sie mit Warnschüssen und Hundegebell nur ab -
damit nicht noch mehr kommen. Doch wenn die
DDR-Flüchtlinge schneller laufen als meine Soldaten,
dann haben sie gewonnen und sind in Freiheit.«
Demonstrativ zerknickte er dabei ein Stück des
durchlöcherten, rostigen Stacheldrahtzaunes, das sofort
zerbrach. Das Interview mit Ovári wurde via
ARD-Tagesthemen auch in der DDR gesehen. Man kann sich
vorstellen, welche Wirkung es dort hatte.
Ein Jahr später erzählte mir Major Ovári die Motive
seines Handelns: »Seit 22 Jahren bin ich schon hier an
dieser Grenze. ich konnte bisher nur hinüberblicken.
Doch es war immer ein großer Traum von mir, einmal mit
meiner Frau Hand in Hand auf der anderen Seite spazieren
zu gehen. Als Grenzsoldat aber war das früher unmöglich.
Doch immer habe ich diese Sehnsucht gefühlt, wenn ich
hinüberschaute. Ich konnte daher mitempfinden, was die
DDR-Flüchtlinge gefühlt haben müssen. Und so gelang es
mir, diese Humanität auch auf meine Soldaten zu
übertragen.
Dann führte er uns noch einmal ins Grenzgebiet zwischen
Fertörakos und Mörbisch. Noch immer dieselben
Trampelpfade, dazwischen rostige Stacheldraht-Reste an
morschen Grenzpfählen. Ovári: »Hier, an dieser Stelle,
gelang wohl mehr als 5000 DDR-Bürgern die Flucht in den
Westen. Hier ging die Welle los, hier bekam sie ihre
stärkste Dynamik. Hier haben meine Soldaten rund 5000
mal DDR-Bürger festgenommen und sie kurz darauf immer
wieder freigelassen - bis ihnen ihre Flucht endlich
gelungen war. Nur aus außenpolitischer Rücksicht
gegenüber der DDR mussten wir diese Festnahmen
durchführen. Hier war der Ausgangspunkt der politischen
Kettenreaktion, die zum Ende der DDR führte. jetzt
kommen hier meist Rumänen und Russen durch, die
denselben Weg in den Westen nehmen wie damals die
Ostdeutschen. Ich meine: Wir haben hier in Sopron
sozusagen den ersten Stein aus der Berliner Mauer
herausgebrochen.«
Auf Ováris Schreibtisch steht tatsächlich ein
Trümmerstück aus der Berliner Mauer. Es ist der
symbolische Dank eines DDR-Flüchtling für Ováris
menschliche Haltung.
Inoffizielle Hilfe zur Massenflucht: Das war noch viel
mehr das berühmt gewordene "Paneuropäische Picknick am
19. August 1989 an einem kleinen Grenzübergang bei
Sopron. Organisator war die Paneuropa-Union,
Schirmherren waren Imre Poszgay und der
Europaabgeordnete Otto von Habsburg (der sich bei der
Feier wegen einer Terminüberschneidung durch seine
Tochter vertreten ließ).
Pozsgay und seine politischen Freunde hatten zuvor über
private Kanäle unter DDR-Bürgern im Budapester
Flüchtlingslager den Hinweis gestreut, dass man an diesem
Tag kurz den Grenzzaun öffnen werde. Wer dann
»zufälligerweise« dort sei, könne ungehindert hin- und
hergehen. Sogar fotokopierte »Wanderkarten« mit den
Wegen zum Ort der Feier wurden verteilt.
Die ungarischen Grenzwachen wären an diesem Sonntag
besonders dünn besetzt, als die Feier zu beiden Seiten
des Grenzstreifens begann. Angestrengt-unauffällig
lauschten auffallend viele Touristen auf der ungarischen
Seite den Vorreden diverser Europapolitiker. Dann -
endlich öffnete ein Grenzer unter Beifall das alte
Holztor. Plötzlich kam Bewegung in die DDR-Touristen:
Das Tor war kaum offen, da drängte schon ein Paar
hindurch, die Frau stürzte vor Aufregung zu Boden, über
sie hinweg rannten immer schneller die nachströmenden
Flüchtlinge, die das Ereignis kaum fassen konnten und
eine Stunde später wie betäubt und schluchzend mit ihren
Kindern am Wegesrand standen. Eine junge DDR-Bürgerin
wurde bei dem Durchbruch von den Massen derart
niedergetrampelt, dass sie verletzt in ein Krankenhaus
gebracht werden musste - zu ihrem Pech zurück nach
Ungarn.
Rund 1200 DDR-Bürgern gelang damals diese erste,
öffentliche Massenflucht. Angesichts der Fernsehbilder
brach in der DDR unter den Ausreisewilligen fast
Hysterie aus. Rund 150.000 Anträge auf ständige Ausreise
lagen damals bereits den Behörden vor. War nun die
letzte, die allerletzte Chance vor den jetzt zu
befürchtenden Reisebeschränkungen verpasst? Die
Urlaubssaison neigte sich dem Ende zu. Trotzdem machen
sich noch mehrere zehntausend DDR-Bürger sofort auf den
Weg nach Ungarn.
Aus Angst, diese letzte Chance zu verpassen, warteten
auch dort bereits Zehntausende DDR-Urlauber die
Entwicklung ab. Sie hatten ihren Aufenthalt verlängert
oder als Transitreisende auf dem Rückweg vom Schwarzen
Meer hier gestoppt. In den Familien gab es quälende,
herzzerreißende Diskussionen um das Für und Wider der
Flucht. Kinder verabschiedeten sich von ihren Eltern.
Freunde und Freundinnen trennten sich, selbst
Ehepartner. Sie glaubten, es sei für viele Jahre. Und
ihnen blieb nur die ungewisse Hoffnung, sich irgendwann
einmal mit staatlicher Genehmigung wieder sehen zu
dürfen.
Eine schier unerträgliche Endzeitstimmung brach unter
vielen DDR-Bürgern aus. Der 1. September - Schulbeginn
in der DDR - war für viele Wartende mit Kindern der
Stichtag einer schwierigen Entscheidung. Wie viele
Schulbänke würden wohl zu Hause im neuen Schuljahr
leer bleiben?
Zwei weitere Massenfluchten wurden gemeldet. Die erste
fand am helllichten Tage statt: Vor laufender
Fernsehkamera fuhren rund 150 überfüllte DDR-Autos dicht
hintereinander auf den österreichischen Grenzübergang
Klingenbach. 100 Meter vor der ungarischen Zollstation
sprangen Flüchtlinge plötzlich alle gleichzeitig aus den
noch ausrollenden Autos, rissen ihre Kinder mit heraus.
Sie nahmen flüchtend nur mit, was sie am Leib tragen
konnten. Sie ließen ihre Autos zurück, auf die sie zehn
Jahre lang gespart und gewartet hatten. Weiße
Taschentücher schwenkend fluteten die Menschen - unter
den Augen der verdutzten Grenzer - in einer breiten
Prozession über abgeerntete Felder in den Westen.
Die dritte Massenflucht jedoch scheiterte dramatisch.
DDR-Stasi-Agenten in Budapest hatten ihren ungarischen
Kollegen verraten, dass eine ZDF-Reporterin angeblich
vier Busse gemietet habe, um rund 200 Flüchtlinge zur
Grenze zu bringen. Die DDR-Botschaft setzte daraufhin
das Innenministerium unter Druck. Mehrere hundert
Grenzsoldaten stellten sich den Flüchtlingen in
gestaffelter Kette entgegen.
Doch die Flüchtlinge marschierten mit dem Mut der
Verzweiflung auf sie zu und versuchten, sie mit dem
Absingen der »Internationale« zu verwirren. Eingehakt
drängten sie die Posten-Kette immer wieder zurück. Die
Grenzsoldaten schossen mit Tränengas und schwangen
drohend ihre Gummiknüppel dicht über den Köpfen der
Flüchtlinge, schämten sich jedoch meist, wirklich
zuzuschlagen. Da begannen einzelne Offiziere, ihren
Soldaten nacheinander die Kalaschnikow-Maschinenpistolen
abzunehmen und feuerten damit minutenlang wild in die
Luft.
Vergeblich - die Flüchtlinge rückten auch dann noch
weiter vor, als die Offiziere dicht vor ihnen
MP-Sperrfeuer in den Boden schossen, so dass ihnen
jaulende Querschläger nur so um die Ohren flogen.
Plötzlich brach ein 14jähriges Mädchen schreiend und
blutend zusammen - ein Geschoß-Splitter hatte sie an der
Schulter getroffen. Erst jetzt gaben die entnervten
Flüchtlinge auf, ließen sich widerstandslos zu den
Bussen zurückführen. Viele weinten.
Das Scheitern dieses bisher größten Durchbruchversuchs
sprach sich in den Flüchtlingslagern schnell herum. Es
markierte das Ende der Massenfluchten über die grüne
Grenze. Volker Rühe, damals Fraktionsvize der
CDU-CSU-Bundestagsfraktion, kam nach Budapest und
forderte die DDR-Flüchtlinge auf einer Pressekonferenz
zum Abwarten auf -niemand werde zurückgeschickt. Das war
das Stichwort: Immer mehr DDR-Flüchtlinge sammelten sich
in den fünf Flüchtlingslagern an, die Ungarn nun in
rascher Folge einrichtete. Abwarten auf eine politische
Lösung - doch wie lange noch?
Fast alle hatten jetzt Angst vor weiteren
Fluchtversuchen.
Die stalinistischen Arbeitermilizen hatten hart
zugeschlagen. Doch das ungarische Fernsehen berichtete
kritisch darüber und zeigte die primitive Schlägertruppe
durch geschickte Kameraführung geradezu froschgesichtig
hässlich. Es kam zu einem derartigen öffentlichen
Aufschrei, dass die Milizen wieder abgezogen wurden.
Immer mehr Ungarn hatten jetzt Mitleid mit der Lage der
DDR-Flüchtlinge und forderten deren freie Ausreise. Auch
die DDR zeigte erstmals Nervosität: Wütend dementierte
ADN eine Meldung der »Welt«, wonach die DDR zum 1.
September eine Einschränkung des Reiseverkehrs nach
Ungarn plane. Das Gerücht jedoch ging längst um in der
DDR und trieb nur noch mehr Bürger nach Ungarn.
Bundeskanzler Kohl schlug mehrfach direkte Gespräche mit
Honecker über die Flüchtlingsfrage vor. Doch die DDR
reagierte darauf nicht - um nicht faktisch ein
Einmischungsrecht der BRD zu akzeptieren.
Am 25. August übergab DDR-Botschafter Gerd Veres in
Budapest eine Protestnote seiner Regierung, in der er
die 'Sogwirkung' der Flüchtlingslager kritisierte und
von Ungarn verlangte, die DDR-Bürger zur Rückkehr
aufzufordern. Vielsagend erklärte Veres, dass dieses
Schreiben (noch?) keine Drohung enthalte. Der ungarische
Staatssekretär Kovacs blieb kühl: Die Krise sei von der
DDR selbst ausgelöst worden; damit liege der Schlüssel
zur Lösung in anderen Händen.