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Wer die DDR verlassen will und einen Ausreiseantrag stellt,
muss mit Nachteilen für sich und seine Familie rechnen
Das war kein
Märchen, sondern die traurige Wahrheit. Jeder Bürger der
DDR hatte das Recht, einen Ausreiseantrag zu stellen.
Aber die meisten versuchten es gar nicht - denn die
Folgen nach der Antragstellung waren schlimmer als man
dachte. Hier einige Berichte von Augenzeugen, die genau
das erlebt haben.
"Das mit den Nachteilen stimmt mit Sicherheit. Wir
hatten in der Bekanntschaft meiner Eltern einige Leute,
die es betraf. Da war plötzlich keine Delegierung auf
die EOS (vergleichbar mit dem Gymnasium) mehr möglich.
Bei bestimmten Berufen, wie in Bahnwesen, Schifffahrt,
Luftfahrt, Elektronikindustrie (hier wohl, um Blamagen
zu vermeiden...), Kulturwesen war plötzlich keine
Ausbildung mehr möglich oder wurde unter fadenscheinigen
Gründen abgebrochen. Ein Bekannter, dessen Eltern (er
aber nicht) ausreisen wollten, sollte aus der
Jagdgesellschaft rausfliegen und plötzlich kein Jäger
mehr sein dürfen (das passierte dann aber nicht, weil es
in der Jagdgesellschaft hierfür keine Mehrheit gab).
Mein allererster Fall bei der Kripo war ein Bürger, dem
man nach einem Ausreiseantrag seine illegal auf dem Dach
montierte Westantenne abgebaut (er sagte geklaut, was ja
eigentlich nicht stimmte) hatte. Die gleichen Antennen
der übrigen Bewohner blieben wo sie waren, haben also
nicht interessiert - das war schon auch Schikane. Dass
Schüler und Studenten von der legalen Ausreise
ausgeschlossen gewesen sein sollen, kann ich nicht
glauben. Dann hätte es keine Familienzusammenführung
gegeben. Bei Geheimnisträgern war das sicher schwieriger
oder konnte viele Jahre dauern." (S51 - Mitglied Forum
DDR Grenze)
Mein Schwager hatte für sich und seine Familie (Frau und
drei Kinder) einen Ausreiseantrag gestellt. Er wollte zu
seiner Schwester nach Lübeck. Mit der Antragstellung
begann ein Spießrutenlauf, in der eine Existenz
systematisch zerstört wurde. Erst verlor er seinen
Posten, da es nicht tragbar war, dass ihm Leute
unterstellt sind. Dann, so nach und nach, wurde
Steinchen für Steinchen seiner beruflichen Karriere
abgebaut, bis er zuletzt, nach Monaten, total seine
Arbeit verlor. Er stand an einem Punkt, wo er nicht
wusste, wie es weitergehen sollte und wie es überhaupt
möglich sein sollte, seine Familie zu ernähren. Das
Schlimme an der ganzen Sache, er wusste zu dem Zeitpunkt
nicht einmal, ob sein Antrag überhaupt je genehmigt
wird. Zu jeder schrittweisen "Degradierung" wurde er ins
Kombinat vorgeladen, wo man ihm sagte, mit der Rücknahme
des Antrages könne er zuminderst einen Teil seiner
beruflichen Laufbahn retten. Da er sich jedoch weigerte,
kam es halt letztendlich zur totalen Arbeitslosigkeit.
Bei meiner Schwägerin verlief es ähnlich, wenn auch
nicht ganz so spektakulär. Man sagte ihr, da für ihre
Arbeit eine langfristige Planung nötig wäre und sie ja
die DDR verlassen wolle, könne sie nur noch für
"Hilfsarbeiten" eingesetzt werden. Dass im Vorfeld die
ganze Nachbarschaft über sie ausgefragt wurde, war
dagegen nur eine Kleinigkeit im Verhältnis zu dem, was
sie so durchmachen mussten....... war also nicht der
Rede wert. Als er dann ohne Arbeit da stand, kam kurz
darauf der Bescheid, sie können ausreisen und haben
binnen "so und so viel" Stunden die DDR zu verlassen.
Jeder durfte dann mit einem Koffer "bewaffnet"
ausreisen.......nicht mehr und nicht weniger. Mit
Menschlichkeit hatte dies alles nichts zu tun. Und wenn
ich dann teilweise lese, es brauchte ja keiner über die
Grenze abzuhauen, man konnte ja gefahrlos ausreisen, in
dem man einen Ausreiseantrag stellt, dann wird es mir
ganz einfach speiübel." (Ernest - Mitglied im Forum DDR
Grenze)
"Wie die meisten hier schon wissen, bin
auch ich - wie CaptnDelta - ein Betroffener gewesen. Ich
habe den Antrag damals persönlich abgegeben, und ich
habe persönlich die Entlassungsurkunde aus der
Staatsbürgerschaft der DDR gegen Zahlung von 30 Mark
erhalten, danach die Identitätsbescheinigung gegen
Zahlung von weiteren 25 Mark. Dazwischen lagen fast 2
Jahre Erniedrigung, Demütigung, Einschüchterung,
schlimme psychische Verhöre - denen ich damals - ganz
ehrlich - kaum gewachsen war. Immer wurde einem
vermittelt, du schaffst das nie, wir lassen sie nicht
weg. 3 Tage vor Weihnachten erfuhr man dann, dass man
innerhalb von 14 Stunden das Land verlassen muss,
ansonsten wird man inhaftiert. Damit wollte man
verhindern, dass wertvolle Dinge veräußert werden
konnten, nicht wenige Häuser kamen so billig an
MfS-Angehörige. Noch heute kenne ich die Grundlage dafür
nicht. Man hat mich während dieser 2 Jahre in 4
verschiedene Betriebe gesteckt - immer zu anderen Leuten
- immer in den Dreck, einmal auch in der Kohle -
allerdings um LKW zu reparieren. Dem Knast bin ich um
Haaresbreite entgangen, so die Auskunft des Mitarbeiters
der Abt. Inneres. Dabei hatte ich nur das Glück, an
"vernünftige" Entscheidungsträger zu gelangen. Auch die
gab es natürlich. Freunde, die zu mir gehalten haben,
hat man seitens der Stasi unter Druck gesetzt, einige
haben dann aus Angst eingelenkt und die Verbindung zu
mir gelöst - andere mich bespitzelt. Aber ein paar
wenige sind standhaft geblieben. Diese Erfahrungen über
eine andere DDR wünsche ich keinem. Gut, dass man vorher
nicht wusste, was auf einen zukommt. Ausreisen durften
nicht alle (Schüler u. Studenten immer) - natürlich gab
es eine Untersagungsmöglichkeit des Ministers für
Personengruppen (Grenzer, z.B.) - unsere Experten hier
wissen das, aber über Botschaften kamen manchmal sogar
MfS- (Familien-angehörige raus. Hier hatte das MfS
einfach keine guten Karten - Honecker traf hier die
Entscheidung - auch gegen den Rat einiger Mitarbeiter."
(Augenzeuge - Mitglied im Forum DDR Grenze)
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